Die Vierte Internationale

Hans-Peter Renk

Mit dem aufkommenden Kapitalismus machte sich in der ArbeiterInnenbewegung der Bedarf nach einer internationalen Koordinierung bemerkbar. Bis zum heutigen Tag wurden vier Internationalen gegründet.

Die von Marx, Engels und anderen aufgebaute Internationale Arbeiterassoziation (1864–1876) oder Erste Internationale fiel nach dem Scheitern der Pariser Commune (1871) und der Abspaltung der anarchistischen Strömungen auseinander.

Die Zweite oder Sozialistische Internationale (seit 1889) wurde nach der Entstehung sozialdemokratischer Parteien in einer Reihe von europäischen Ländern gegründet. Sie verlor mit Beginn des Ersten Weltkriegs (1914) und der Unterordnung der Mehrheit ihrer Mitglieder unter die jeweilige nationale Bourgeoisie im Rahmen des Kriegs an Bedeutung.

Die Dritte oder Kommunistische Internationale (1914–1943, später Komintern) wurde nach dem Sieg der Oktoberrevolution in Russland gegründet und 1943 von Stalin aufgelöst.

Die 1938 gegründete Vierte Internationale ging aus der Linksopposition gegen den Stalinismus in Russland und in der Dritten Internationale hervor. Sie ist in einer der finstersten Perioden des 20. Jahrhunderts entstanden, die gekennzeichnet ist durch Militarismus und Kriegstaumel der sozialistischen Parteien, den Sieg des Stalinismus in der UdSSR und den kommunistischen Parteien weltweit, den Faschismus und die autoritären Regime Italiens, Portugals, Deutschlands, Spaniens und Frankreichs. Diese katastrophale Situation mündete in den Zweiten Weltkrieg, der unzählige Opfer forderte – mehrere GenossInnen der Vierten Internationale wurden in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern ermordet oder fielen der stalinistischen Repression zum Opfer (angefangen beim wichtigsten Gründungsmitglied, Leo Trotzki).

Die Vierte Internationale hat sich an Kämpfen und am Widerstand beteiligt, ohne gemeinsame Sache mit den Herrschenden dieser Welt zu machen. Dies gilt für den Kapitalismus im Westen ebenso wie für die bürokratische Gewaltherrschaft in der UdSSR und anderen Ländern des sogenannten real existierenden Sozialismus.

Die Vierte Internationale stützt sich nicht nur auf den «Trotzkismus» (um diesen verkürzten Begriff aufzugreifen, mit dem sie oft von anderen Internationalen unterschieden wird). Sie beruft sich auch auf das Erbe der sozialistischen Linken vor 1914 und der kommunistischen demokratischen Linken danach. Erwähnt seien nur die bekanntesten Figuren wie Karl Marx, Friedrich Engels, Rosa Luxemburg, Lenin und Trotzki, aber auch Georgi Plechanow (Russland), Otto Bauer (Österreich), Rudolf Hilferding (Deutschland), Antonio Gramsci (Italien), Georg Lukacs (Ungarn), Anton Pannekoek (Holland), Alexandra Kollontai (Russland), Ernesto Che Guevara (Lateinamerika), und natürlich nicht zu vergessen den vor wenigen Jahren verstorbenen Genossen Ernest Mandel (Belgien).

Die Vierte Internationale setzt sich mit den wirtschaftlichen, sozialen, politischen und kulturellen Umwälzungen auseinander, die das Aussehen dieser Welt seit zwanzig Jahren verändert haben – einer Welt, die nach wie vor auf Ausbeutung, Unterdrückung, Ungleichheit und sozialer Ungerechtigkeit aufbaut.

Wo es Ausbeutung gibt, gibt es auch Widerstand und Kampf. Diese unaufhörlichen Kämpfe sind umso entschlossener, wenn sie von der Perspektive auf eine sozialistische Befreiung der Menschheit getragen werden. Dafür muss eine sozialistische, revolutionäre Partei aufgebaut werden, die in der Lage ist, Diskussionen zu führen, zu analysieren, zu handeln und sich zu verankern.

Ein solcher Prozess bedarf der praktischen Zusammenarbeit in der Aktion und der offenen Diskussion zwischen allen bestehenden antikapitalistischen Strömungen, unabhängig von ihrer unterschiedlichen historischen Herkunft [1], ihrem Werdegang und ihrer politischen Kultur.

Hier sei nur an die wichtigsten revolutionären Erfahrungen des vergangenen Jahrhunderts erinnert: castristische Revolution, Maoismus, Volksbefreiungsbewegungen, Sandinismus, Befreiungstheologie.

Dieser Artikel erschien in der Online-Ausgabe von Inprekorr.